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So ernst ist die Lage...

KV-PFORZHEIM-ENZ - 11.09.2022

"Diese Nachricht hat viele von Ihnen in der vergangenen Woche aufgewühlt: Die Gasspeicher sind zwar inzwischen zu 85 Prozent gefüllt, doch das allein reicht nicht, um durch den Winter zu kommen. Nach der Ankündigung Russlands, bis auf Weiteres kein Gas mehr durch die Pipeline Nord Stream 1 zu schicken, muss sich Deutschland auf einen harten wirtschaftlichen Abschwung einstellen. „Das ist ein wirklich düsteres Szenario, eine Rezession ist kaum noch zu vermeiden“, sagte Clemens Fuest , der Präsident des Münchner Ifo-Instituts Johannes Pennekamp aus unserer Wirtschaftsredaktion. Denn bleibt es beim Lieferstopp, treten die Negativszenarien ein, die Ökonomen seit Monaten kalkulieren. Wie schwer der Einbruch ausfallen wird, hängt vor allem davon ab, wie gut es gelingt, den Verbrauch von Gas und Strom zu senken, ohne dabei die Produktion von Gütern zu sehr einzuschränken. Industrie und Privatleute müssen den Gasverbrauch schätzungsweise um gut ein Fünftel im Vergleich zu den Vorjahren senken, damit Rationierungen im Winter nicht nötig sind. Und von vielen von Ihnen habe ich gehört, dass sie dies für einen Beweis des Versagens unserer Regierung halten. Das dürfte einer der Gründe sein, warum über die Laufzeitverlängerung der verbliebenen Atomkraftwerke so erbittert gestritten wird.

Viele denken bei der Energiewende an Windräder und Solardächer. Die Kraft des Windes und der Sonne soll Licht bringen, wenn es dunkel ist, und Wärme, wenn es kalt ist. Sie kostet wenig und schont die Umwelt. So geht der Traum. Damit er wahr wird, brauchte Deutschland bisher Gas, Milliarden Kubikmeter jedes Jahr. Gaskraftwerke sollten einspringen, wenn Flaute herrscht und der Himmel bewölkt ist, oder viel Strom verbraucht wird. Noch vor wenigen Monaten forderten Fachleute, Deutschland solle in den nächsten Jahren zehnmal so viele Gaskraftwerke bauen wie bisher, mit einer Leistung, die der von etwa 16 Atomkraftwerken entspricht. Das Gas war lange der eigentliche Gewinner der Energiewende. Es sollte die Brücke sein, auf der Deutschland in die erneuerbare Zukunft geht. Dann überfiel Russland die Ukraine und drosselte die Lieferungen. Seitdem ist die Brücke eingestürzt. Und Morten Freidel aus unserer Sonntagszeitung hat sich angeschaut, was daraus für unsere Energiepolitik folgen sollte. Wussten Sie, dass Windräder schon nach zwanzig Jahren wieder ersetzt werden müssen? Was ist mit Wasserstoff? Und wandern unsere Unternehmen am Ende einfach nur ab?

Und dann gibt es ja noch Corona, beziehungsweise die Kommunikation darüber, besonders die vom zuständigen Minister Karl Lauterbach (SPD). Joachim Müller-Jung hat mal genauer hingehört. Der Minister bleibt felsenfest bei seiner Viruswarner-Linie. Epidemiologisch und virologisch gesehen hat diese Rolle gute Gründe, politisch führt sie den Minister, der die Menschen aus der Pandemie führen soll, zunehmend ins Abseits. Seine Umfragewerte fallen seit Wochen, seine Rolle als Kapitän, der die bittere Wahrheit tapfer erträgt und als Letzter das Schiff verlässt, zieht nicht mehr. Dieses Schiff sei auf Grund gelaufen, schreibt Müller-Jung. Lauterbach jedoch schwadroniere weiter vom Untergang, vom Corona-Herbst, der „kein Zuckerschlecken“ werde. Aus wissenschaftlichen Studien zu zitieren und sie nach seinem Gusto zu deuten, das habe der Minister zu einer eigenen quasiministeriellen Kommunikationslinie ausgebaut. Darunter leide freilich seine Glaubwürdigkeit, weil er schon aus Zeitgründen und wegen der weiter anschwellenden Publikationsflut extrem selektiv vorgehen müsse. Blicke man auf die Evidenz, sei etwa die medizinische Sorge vor den neuronalen Corona-Folgen ganz klar berechtigt. Aber auch in diesem Fall verweise seine statistisch unbelegte Konkretisierung auf ein Gefahrenpotential, das dem Minister in der momentanen Corona-Stimmung durchaus als unverantwortliche Verunsicherung der Allgemeinheit ausgelegt werden könne." Karsten Knop, Herausgeber der FAZ am 10.September 2022

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